Originalgrafik
„Für mich ist die Grafik eine Sprache ohne Worte, eine vollkommene poetische Sprache, mit eigener Syntax, Metrik, Sprachmelodie, mit eigenem Rhythmus. Reine visuelle Poesie, weil sie keinen rationalen Sinn enthält.“
Zeichnungen erlauben dem Künstler eine größere Spontaneität als Malerei oder Skulptur. Was hier zum Ausdruck kommt, kann eben nur durch eine Zeichnung sichtbar werden. Heinz Mack schätzt dabei auch die innere Logik und Disziplin, die in einer guten Zeichnung sichtbar werden kann. Darum hat er seine Zeichnungen einmal als die „Grammatik meiner Kunst“ bezeichnet: „Ich denke, dass sich die Linien zu einem Energiefeld, zu einer Struktur verdichten, in dem alle Teile, alle Elemente in einem unauflösbaren Zusammenhang stehen und in Schwingung oder gar Vibration geraten, wenn wir sie mit Sensibilität, mit Ruhe und gegenstandslosem Interesse betrachten.“
Zeichnungen folgen als Sprache den Bewegungen von Macks Hand, ihrem Duktus, ihrem Rhythmus und mehr oder weniger unbewußt seinen Empfindungen: „Zeichnungen sind quasi seismographische Diagramme unserer inneren Erregung und Emotion“. Eine besondere Affinität hat der Künstler gerade zu den Zeichnungen, die bei einem katastrophalen Brand zerstört wurden: Den vielen Akt- und Portraitzeichnungen aus den Jahren 1950 bis 1954. Diese Aussage mag überraschen, weil seit diesen frühen Jahren sein gesamtes Oeuvre nicht figurativ und gegenstandslos ist.
Für Heinz Mack ist in gewissem Sinne eine Grafik ein hochsensibles Nervensystem. Gleichzeitig haben seine Zeichnungen eine innere Beziehung, eine Art Code zum Mikrokosmos, der heute ausschließlich der Gegenstand von Naturforschung und Technik ist. Das wäre eine neue Art von Gegenständlichkeit, die man zwar durch mikroskope Fotografie visualisieren, mit bloßem Auge aber nicht mehr erkennen kann. „Es beeindruckt mich selbst und bleibt mir vollkommen rätselhaft, dass ich Zeichnungen gemacht habe, die man mit den Bildern verwechseln kann, welche viele Jahre später in den Naturwissenschaften und in der Computertechnik entwickelt worden sind. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Auch ich bin ein Künstler meiner Zeit. Es ist nur konsequent, wenn in den Pastellen die Spektralfarben ungetrübt zueinander treten. Weiß und Schwarz sind deren Summe oder ihre Abwesendheit, das absolute Licht und die Alles sonst ausschließende Finsternis. Das Geschehen in der Fläche und ihren Schichten wird ohne Illusionismus wirksam. Eine Grundgegebenheit dafür ist eine gewisse serielle Struktur, ein Gleichmaß der Verteilung gleichstarker, gleichmäßig einander naher Impulse.“
Franz Joseph van der Grinten bemerkt in seinem Vorwort zum Buch Mack – Zeichnungen, Pastelle, Tuschen:
„...Das Papier ist ein neutraler Grund. Es kann nichts sein für nichts oder, entsprechend dem Himmel, das All. Heinz Mack entbreitet auf ihm – pars pro toto - seine Welt. Sie ist auch da, wo Dunkelheit waltet, eine apollinische. Klarheit, Ausgewogenheit und Wohlklang sind es, zu denen er sein Werk, jedes seiner Werke reifen zu lassen sucht. Ein harmonisches Verhältnis der Teile zueinander, die rechte Proportion. Aber das bedeutet nicht Dämpfung, ihrer jedes bringt seine Kraft ein und stimmt sich ins Ganze. Ein voller Klang die befriedigte Energie sich bündelnd. Und durchaus ist es Schönheit, auf die der verlangende Blick des Schaffenden sich richtet. Derart ruhen seine Bildwerke in sich, aber sie tun es mit der Vitalität aufrechter Haltung...“